Mobbing

von Annette Pehnt
mit Gilla Cremer
und Patrick Cybinski/Cello
Regie: Michael Heicks

Koproduktion Theater Unikate – Gilla Cremer mit dem Theater Bielefeld und den Hamburger Kammerspielen, unterstützt von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg.
Uraufführung: 23.9.2008

INHALT:

In der Verbindung von Anteilnahme und Distanz gelingt Annette Pehnt ein glänzender Roman, der von Macht und Ausgrenzung in der Arbeitswelt handelt und behutsam seine großen Themen Vertrauen, Achtung und Würde ins Alltägliche einzubetten versteht.

PRESSE:

Großartiges Theater mit Gilla Cremer

Es gibt sie ganz selten, diese besonderen Theaterabende, nach denen man als Zuschauer einfach nur glücklich ist, dabei gewesen zu sein. In den Kammerspielen gab es jetzt so einen Abend: die Uraufführung von Annette Pehnts "Mobbing" in der Inszenierung von Michael Heicks - mit einer Gilla Cremer zum Niederknien.

Annette Pehnt beschreibt in ihrem Roman, wie sich Mobbing am Arbeitsplatz auf das private Leben auswirkt. Beschreibt, wie der Mann Jo mit seiner Arbeit zugleich zu Hause den Boden unter den Füßen verliert. Erzählt wird sein "Fall" aus der Sicht seiner Frau. Die wird von Gilla Cremer gespielt, der Mann von einem Cello-Spieler (Patrick Cybinski) in einem Glaskasten. So mag sich jemand fühlen, der von anderen gemieden und ausgegrenzt wird - sprachlos und "abgeschirmt" wie unter einer Glasglocke. Heicks hat dafür ein so einfaches wie geniales Bild gefunden.

Und Jos Frau? Sie wird haltlos in den Strudel ihres Mannes hineingezogen, schwankt zwischen Solidarität und Vorwürfen. Gilla Cremer tanzt auf diesem schmalen Grat virtuos. Souverän wechselt sie zwischen Wut, Humor und Selbstironie. Sie lässt in unserem Kopf die Gefühlswelt der Frau ebenso entstehen wie die Arbeitswelt des Mannes mit all seinen Kollegen, seine Welt daheim mit der Familie. Das ist mal komisch, mal erschütternd: "Von dir ist nichts mehr übrig", sagt die Frau am Ende zu ihrem Mann.

Am 19. Oktober wird Gilla Cremer der Rolf-Mares-Preis "für langjährige außergewöhnliche Leistungen im Hamburger Theaterleben" verliehen. Wer wissen will, warum, der schaut sich "Mobbing" an.
(Mopo, 25.09.2008)

Rosenkrieg gegen den Verlust des Lebensglücks

Am Ende herrschte jubelnder Beifall in den Kammerspielen für eine großartige Schauspielerin: Gilla Cremer, die ein heikles, sehr heutiges Phänomen ebenso beklemmend, wie verzweifelt komisch spielerisch bewältigt: das Mobbing. Der Begriff bedeutet die niederträchtige, bisweilen auch hinterhältig subtile Schikane durch Schlechtmachen am Arbeitsplatz. Kündigung, Existenzvernichtung, Selbstwertverlust bis zu Selbstmordgedanken sind die Folgen.

"Mobbing" heißt auch der ebenso sachlich wie eindringlich geschriebene Roman von Annette Pehnt, den Gilla Cremer mit der Hilfe von Regisseur und Bühnenbildner Michael Heicks dramatisiert und uraufgeführt hat. Es ist ein großer Abend als dichtes, vielschichtiges Kammerspiel, in dem Gilla Cremer monologisierend und im Zwiegespräch mit dem durch Mobbing verstummten, gesellschaftlich isolierten und seiner Frau zunehmend entfremdeten Partner (Patrick Cybinsky) den Auflösungsprozess einer einst glücklichen Familie vor Augen führt.

In einem meterhohen Plexiglascontainer sitzt der Mann. Abgeschottet von der Umwelt, wie versteinert durch das Geschehene, hat er nur noch ein einziges Mittel der Kommunikation, sein Cellospiel. Wüst aufbegehrend, verträumt, verspielt und wütend kommentiert er das Reden seiner Frau, deren Stimme in unzähligen Modulationsvarianten Vergangenheit und Gegenwart lebendig macht. Gilla Cremer umspielt buchstäblich den gläsernen Kubus, in ihrer Wut haut sie Rosen wie Dartpfeile in den Bühnenboden.

Ihre weich-kratzige Stimme wird schärfer, sie lacht, und doch ist ihr zum Weinen, weil der gegenseitige Halt, der Respekt untereinander verloren gegangen ist. Auch das zärtlich geschönte Bild, das sie sich von ihrem Mann gemacht hatte. Jetzt herrscht Krieg. Missverständnisse, Vorwürfe, Misstrauen und das daraus resultierende Schweigen haben das Leben vergiftet. Die Frau verschwindet im Dunklen, das Cello hat das letzte Wort.
(MN Die Welt)